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Interview mit Süddeutsche Zeitung

Interview mit Isabel Schnabel, Mitglied im Direktorium der EZB, geführt von Markus Zydra, Bastian Brinkmann und Meike Schreiber am 10. Januar 2022

14 January 2022

Frau Schnabel, 5 % Inflation herrschen in der Eurozone – ein Rekord. Wann schreiten Sie endlich ein?

Wir betrachten diese Zahlen mit einer gewissen Sorge, weil sie höher sind, als wir ursprünglich erwartet haben. Und wir haben großes Verständnis dafür, dass viele Bürgerinnen und Bürger besorgt sind, weil die um die Inflation bereinigten Löhne und Zinserträge fallen. Das gilt umso mehr, da Menschen mit niedrigen Einkommen von der höheren Inflation besonders stark getroffen werden. Das nehmen wir sehr ernst.

Vom sorgenvollen Betrachten allein sinkt die Inflation nicht.

Unseren Entscheidungen liegt eine mittelfristige Perspektive von etwa ein bis drei Jahren zugrunde. Auf mittlere Sicht gehen wir davon aus, dass die Inflation deutlich sinkt. Das ist der Grund, warum wir derzeit nicht die Zinsen erhöhen, wie manche fordern.

Langfristig planen, schön und gut, aber die höheren Preise treffen die Menschen im Hier und Jetzt.

Wenn wir heute Maßnahmen ergreifen, wirken diese erst mit Verzögerung. Die aktuelle Inflation wird hiervon nicht beeinflusst, sondern nur die zukünftige. Die meisten Prognosen – von uns und von anderen – gehen davon aus, dass auf den massiven Anstieg der Inflation aufgrund der Pandemie ein spürbarer Rückgang folgen wird. In unseren Prognosen sinkt die Inflation in der mittleren Frist sogar wieder unter unser Inflationsziel von 2 %, auch wenn die Prognosen derzeit mit großer Unsicherheit behaftet sind. Darum dürfen wir die Zinsen nicht zu früh erhöhen. Denn das könnte dazu führen, dass der Aufschwung abgewürgt wird. Aber wir werden schnell und entschlossen reagieren, wenn wir zu dem Schluss kommen, dass die Inflation sich doch oberhalb der 2 % festsetzen könnte. Voraussetzung für eine Zinserhöhung ist eine Beendigung der Netto-Anleihekäufe, und unsere Entscheidung vom Dezember ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Und wenn Sie sich verschätzen, zahlen wir alle einen hohen Preis.

Gerade deshalb verlassen wir uns bei unseren Entscheidungen nicht allein auf unsere ökonomischen Modellrechnungen, sondern wir führen beispielsweise auch Umfragen zu den Erwartungen der privaten Haushalte und Unternehmen durch. Dadurch können wir einschätzen, wie glaubwürdig die Prognosen sind. Und dabei zeigen sich durchaus Aufwärtsrisiken im Hinblick auf die Inflation. Uns ist bewusst, dass die Geldpolitik eine enorme Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung trägt. Aber wenn die Geldpolitik zu früh agiert, hat das auch Kosten: Der beginnende Aufschwung kann abgebremst werden, und das würde Arbeitsplätze gefährden.

Der wahre Grund, warum die EZB noch nicht agiert hat, ist doch die Angst, dass die Euro-Krise wieder aufflammt, vor allem in Italien, und dass die Aktienmärkte einbrechen, oder nicht?

Ich weiß, dass einige in Deutschland diese Sichtweise vertreten. Aber das stimmt nicht. Was wir tun, ist ausschließlich von unserem Mandat der Preisstabilität geleitet. Die Finanzierung einzelner Staaten spielt für die Entscheidungen des EZB-Rates keine Rolle. Wie die Finanzmärkte auf den Ausstieg reagieren, ist natürlich ein Aspekt, den wir berücksichtigen müssen, weil das die Finanzierungsbedingungen der Menschen und Unternehmen beeinflusst. Aber das ist etwas vollkommen anderes, als die Zinsen niedrig zu halten, nur um bestimmten Ländern die Schuldenfinanzierung zu erleichtern.

EU-Umfragen zeigen: Die Menschen nehmen die Inflation sogar noch höher wahr, als sie gemessen wird. Schadet diese gefühlte Inflation nicht Ihrer Reputation?

Die offiziell gemessene Inflation orientiert sich an einem durchschnittlichen Warenkorb. Was eine einzelne Person kauft, weicht davon naturgemäß ab. Dazu kommt, dass bestimmte Preisveränderungen von den Menschen besonders deutlich wahrgenommen werden. Das betrifft vor allem Güter, die sie häufig konsumieren. Beispielsweise gibt es bei Benzin und Heizkosten derzeit erhebliche Steigerungen. Das führt dazu, dass die wahrgenommene Inflation höher ist als die tatsächliche Inflation. Wir haben auf unserer Homepage übrigens einen Inflationsrechner, mit dessen Hilfe jeder seine individuelle Inflation berechnen kann. Hinzu kommt, dass die Inflation über einen längeren Zeitraum gerechnet gar nicht so stark gestiegen ist: Vergleicht man die Preise heute mit denen vor zwei Jahren, so betrug die jährliche Inflation in Deutschland im Dezember lediglich 2,5 %. Denn im ersten Jahr der Pandemie sind die Preise sogar gefallen.

Mal eine Grundsatzfrage: Warum zielen Sie eigentlich auf 2 % Preissteigerung? 0 % ist doch viel stabiler.

Lassen Sie mich zwei wichtige Gründe nennen. Erstens steuern wir die Inflation im gesamten Euroraum. Liegt diese im Durchschnitt bei 0 %, befände sich ein Teil der Mitgliedstaaten in einer Deflation, die von Ökonomen als sehr schädlich betrachtet wird. Zweitens erleichtert ein leicht positives Inflationsziel wirtschaftliche Anpassungsprozesse, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, weil es eine Senkung der realen, also inflationsbereinigten, Löhne möglich macht. Da nominale Löhne nur selten fallen, könnten die notwendigen Anpassungen ansonsten zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen.

Okay, das klingt vielleicht nachvollziehbar, aber vor allem schwer verständlich. Wie wollen Sie damit die Menschen überzeugen?

Das Vertrauen der Bevölkerung in die EZB ist eine Voraussetzung für den Erfolg unserer Politik. Deshalb bemühen wir uns, komplexe Zusammenhänge möglichst einfach zu erklären. Manchmal gelingt uns das vielleicht nicht. Die Schlussfolgerung kann jedoch nicht sein, dass wir eine aus unserer Sicht falsche Geldpolitik betreiben, nur weil wir Sorge haben, dass unsere Maßnahmen schwierig zu erklären sind – das würde großen Schaden anrichten. Stattdessen müssen wir uns weiter bemühen, den Menschen unser Handeln besser verständlich zu machen.

An Stammtischen oder in Online-Foren gibt es nicht nur Kritik an Ihnen, Sie werden mitunter auch persönlich angegriffen und mit Hass überzogen. Wie gehen Sie damit um?

Das kann sehr unangenehm sein. Persönliche Angriffe versuche ich zu ignorieren. Aber Twitter ist zum Beispiel ein tolles Medium, weil ich direktes Feedback von Leuten bekomme, die ich manchmal gar nicht kenne und die mir etwas mitteilen wollen – und das ganz direkt und unverblümt. Ich sehe mir auch an, was die Boulevardmedien schreiben. Manches ist überspitzt dargestellt, es nimmt aber Stimmungen in der Bevölkerung auf, und es ist wichtig für uns, diese zu verstehen. Insgesamt ist es uns noch nicht hinreichend gelungen, für geldpolitische Zusammenhänge einfache Worte zu finden. Daher stecken wir viel Energie in die Kommunikation. Da müssen wir einfach noch besser werden.

Die Energiepreise treiben die Inflation enorm. Was ärgert Sie mehr: der hohe Benzinpreis oder die steigenden Kosten für das Heizen?

Ich weiß, dass besonders die steigenden Energiekosten für viele Menschen derzeit ein großes Problem darstellen. Die Energiepreise sind unter anderem deshalb so stark gestiegen, weil nach dem Ende der strikten Lockdown-Maßnahmen die wirtschaftliche Aktivität und somit auch die Energie-Nachfrage sprunghaft angestiegen sind, das Angebot kurzfristig aber nicht mithalten konnte. Das ließ die Rohstoffpreise in einem Ausmaß steigen, das viele überrascht hat. Die Geldpolitik kann den Öl- oder Gaspreis nicht senken. Wir stellen uns vielmehr die Frage, ob es infolge der hohen Energiepreise so genannte Zweitrundeneffekte gibt, ob also andere Güter und Dienstleistungen auch teurer werden und die Löhne steigen, was zu einem dauerhaften Anstieg der Inflation führen könnte.

Das kommt doch so oder so: Der Umbau zur klimaneutralen Wirtschaft macht CO₂ teurer – und damit wird ja fast alles teurer. Steht das Ziel der Preisstabilität im Widerspruch zum Ziel der Klimaneutralität?

Es gibt intensive Diskussionen darüber, wie sich die grüne Transformation der Wirtschaft auf die Inflation auswirkt. Führt sie zu einer höheren Inflation, muss die Geldpolitik unter bestimmten Bedingungen darauf reagieren. Dies ist insbesondere der Fall, wenn sich die höhere Inflation in den Erwartungen der Menschen festzusetzen droht oder wenn die grüne Wende einen ökonomischen Boom auslöst, der selbst wiederum zu einem Anstieg der Preise führt.

Das bedeutet: höhere Zinsen. Die EZB könnte also die politisch gewollte Transformation hin zur klimaneutralen Wirtschaft erschweren. Droht ein Klima-Konflikt zwischen Währungshütern und Politik?

Die EZB ist der Preisstabilität verpflichtet. Der Übergang zur klimaneutralen Wirtschaft erfordert eine Veränderung der relativen Preise. Dafür ist in erster Linie die Politik zuständig. Je schneller es gelingt, C02-arme Alternativen zu schaffen, desto reibungsloser wird die Transformation verlaufen.

Sie waren als Bundesbankpräsidentin im Gespräch, nun wurde es Joachim Nagel. Wäre im Jahr 2022 nicht mal eine Frau dran gewesen?

Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Joachim Nagel, er ist eine gute Wahl – und ich bin hier bei der EZB sehr zufrieden. Natürlich ist der Anteil der Frauen im EZB-Rat mit 8 % – 2 von 25 Personen – enttäuschend gering. Die Bundesregierung hätte dazu beitragen können, den Anteil zu erhöhen.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Sie möchten mehr tun für Frauen in der EZB. Wie?

Das steht schon länger auf der Agenda, aber es hat unter Frau Lagarde noch an Fahrt aufgenommen. Unsere Forschung zeigt, dass Frauen in der EZB sich seltener um eine Beförderung bemüht haben, auch wenn sie gute Chancen gehabt hätten. Daher fordern wir Frauen nun explizit dazu auf, sich zu bewerben. Seitdem haben sich die Zahlen merklich verbessert. Zusätzlich sieht unsere Gender-Strategie explizite Zielwerte von 50 % bei Einstellungen und Beförderungen vor. Wir stellen bereits fest, dass das einiges ändert.

Diskriminierung und schlechte Behandlung von Frauen am Arbeitsplatz sind strukturelle Probleme und kommen überall vor. Wie geht die EZB mit dem Thema „Me-too“ um?

Mir ist nicht bekannt, dass es in der EZB solche Fälle gegeben hat. Aber das heißt natürlich nicht, dass das wirklich so ist. Wie gehen wir damit um? Zum einen bemüht sich die EZB, ein möglichst inklusives Umfeld zu schaffen, in dem die Wahrscheinlichkeit klein ist, dass so etwas geschieht. Denn das Auftreten sexueller Übergriffe hat vermutlich viel mit der allgemeinen Arbeitsatmosphäre zu tun, etwa damit, wie man mit Hierarchien umgeht. Zum anderen muss es Betroffenen möglich sein, über Fälle zu berichten, und sie müssen dabei umfassenden Schutz genießen. Bei uns gibt es in allen Abteilungen Vertrauenspersonen. Zusätzlich haben wir eine Hinweisgeberstelle eingerichtet, wo man sich anonym äußern kann. Nicht zuletzt befragen wir unsere Mitarbeiter regelmäßig zum Arbeitsumfeld und Themen wie Diversität und Inklusion. Die EZB würde solche Verstöße auf gar keinen Fall tolerieren.

Gerade bei der EZB bleiben viele Beschäftigte sehr lange. Sollten Sie daher nicht aktiv erforschen, ob es früher Fälle gegeben hat?

Seit 2018 erkundigen wir uns in unseren internen Befragungen nach unangemessenem Verhalten, da wurde bisher nichts gemeldet, was auf sexuelle Belästigung hindeutet. Wir haben noch nicht darüber diskutiert, ob man mit einer Überprüfung weiter in die Vergangenheit zurückgehen sollte. Aber das wäre durchaus zu erwägen. Wichtig ist, dass wir die Strukturen und Meldesysteme fortlaufend verbessern.

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