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Luis de Guindos
Vice-President of the European Central Bank
  • INTERVIEW

Interview mit Die Zeit

Interview mit Luis de Guindos, Vizepräsident der EZB, geführt von Kolja Rudzio

31. Januar 2024

Herr de Guindos, Deutschland steckt in einer Rezession, die Eurozone kommt seit einem Jahr wirtschaftlich nicht in Schwung. Inwieweit ist die Europäische Zentralbank dafür verantwortlich?

Es gibt drei Gründe für das schwache Wachstum in der Eurozone. Der erste Grund ist die Inflation. Sie hat die Kaufkraft verringert, deshalb ist der Konsum zurückgegangen. Der zweite Faktor ist die spürbare Abschwächung des Welthandels. Und der dritte Faktor ist tatsächlich die Geldpolitik der EZB. Wenn wir die Leitzinsen erhöhen, steigen die Finanzierungskosten für Unternehmen und Privatleute. Das führt zu weniger Konsum, zu weniger Investitionen und in der Folge zu schwächerem Wachstum und das wiederum zu weniger stark steigenden Preisen. So funktioniert Geldpolitik.

Und können Sie beziffern, wie stark Sie das Wirtschaftswachstum dadurch bremsen?

Das ist sehr schwierig zu sagen. Geldpolitik wirkt mit einer Verzögerung. Man kann zwar sehen, dass die Banken ihre Zinsen schon erhöht und die Finanzierungsbedingungen damit verschärft haben. Aber es ist viel schwerer zu beurteilen, inwieweit sich das schon in der realen Wirtschaft niederschlägt, also beim Konsum und bei den Investitionen.

Die Forschung zeigt, dass der volle Effekt von Zinserhöhungen erst nach einem oder eineinhalb Jahren eintritt. Ihre jüngste Zinserhöhung beschlossen Sie vor vier Monaten. Steht der größte Dämpfer für die Wirtschaft also noch bevor?

Das lässt sich wie gesagt schwer berechnen. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die verschärften Finanzierungsbedingungen aber schon größtenteils, also vielleicht zu zwei Dritteln, in der realen Wirtschaft angekommen sind.

Im Wohnungsbau sind die Folgen schon unübersehbar. In Deutschland und vielen anderen EU-Ländern werden immer weniger Bauanträge gestellt, obwohl Wohnraum dringend gebraucht wird. Ist das ein Kollateralschaden im Kampf gegen die Inflation, den wir hinnehmen müssen?

Es gibt in der Geldpolitik vor allem ein Mittel gegen die Inflation, nämlich die Zinsen zu erhöhen. Allerdings können wir keine unterschiedlichen Zinsen für verschiedene Wirtschaftsbereiche festlegen. Im Immobilienmarkt tragen die höheren Zinsen aber auch dazu bei, dass die Preise nicht weiter steigen und sich der Markt nicht überhitzt wie in der Niedrigzinsphase der vergangenen Jahre. Zumindest an dieser Stelle tut etwas Beruhigung gut. Die Probleme im Baugewerbe und Wohnungsbau sollten mit einer zielgerichteten Konjunkturpolitik angegangen werden.

Aber es wird wegen der gestiegenen Zinsen eben auch weniger gebaut, die Inflation zu bekämpfen hat also schon Kosten…

Vergessen Sie bitte nicht: Wenn die Inflation nachlässt und die Löhne im Verhältnis zu den Preisen steigen, gewinnen die Menschen ihre Kaufkraft zurück. Das sorgt für mehr Konsum und für eine wirtschaftliche Erholung. Indem wir die Inflation verringern, leisten wir also auch einen Beitrag zu mehr Wachstum in der Zukunft.

Wie schätzen Sie die Wachstumsaussichten für die Eurozone und für Deutschland denn ein?

Für die Eurozone haben wir im Dezember für dieses Jahr zuletzt ein Wachstum von 0,8 Prozent vorhergesagt.

Das ist wenig.

Nach meiner persönlichen Einschätzung haben sich die Aussichten inzwischen sogar verschlechtert. Einige Prognoserisiken, die wir benannt hatten, sind nämlich eingetreten: Der Welthandel hat an Schwung verloren, die geopolitischen Unsicherheiten sind größer geworden, und unsere Zinserhöhungen schlagen stark und schneller als erwartet auf die Wirtschaft durch. Daher könnte das Wachstum in der Eurozone sogar etwas unter den 0,8 Prozent liegen. Aber warten wir erst einmal die nächsten Projektionen ab, die im März veröffentlicht werden.

Und wie schätzen Sie die Aussichten für Deutschland ein? Hier sind viele Unternehmer, Investoren und Arbeitnehmer in einer fast depressiven Stimmung.

Vor allem zwei Faktoren haben nach meiner Einschätzung die deutsche Wirtschaft belastet. Erstens die Energiekrise, die in Deutschland tiefer war als im übrigen Euroraum. Der zweite Faktor ist, dass die deutsche Wirtschaft stark auf die Industrie und auf Exporte ausgerichtet ist, insbesondere auf Exporte nach China. Nun verlangsamt sich die Wachstumsrate in China. Deshalb läuft die Wirtschaft in Deutschland schlechter als in anderen Industrieländern. Aber ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als ich stellvertretender Finanzminister in Spanien war Anfang der 2000er-Jahre, als Deutschland als kranker Mann Europas galt. Wenige Jahre später war es plötzlich der Rising Star. Ich wäre also nicht so pessimistisch.

Sie sehen in Deutschland keine großen Probleme?

Bei der Energieversorgung gibt es strukturelle Probleme, und in die Infrastruktur wurde in den vergangenen zehn Jahren zu wenig investiert. Aber das kann man ändern. Und ich bin sicher, wenn Chinas Wachstum künftig nicht mehr so groß ausfällt wie früher, werden die deutschen Firmen bald ihre Produkte in andere Länder exportieren. Deutschland ist wettbewerbsfähig und kann seine Probleme lösen.

Im Dezember lag die Inflation im Euroraum noch bei 2,9 Prozent. Wann wird sie den Zielwert der EZB von zwei Prozent erreichen?

Nach unserer Prognose vom Dezember sollte es in der zweiten Jahreshälfte 2025 so weit sein. Aber in jüngster Zeit gab es bei der Inflation eher positive Überraschungen. Meine persönliche Einschätzung ist, dass sie etwas niedriger ausfällt als zuletzt von uns prognostiziert.

Für das jetzt laufende Jahr hatten Sie 2,7 Prozent prognostiziert. Heißt „etwas niedriger“ 2,5 Prozent?

Ich möchte keine Zahl nennen.

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn die Inflation bei 2,7 statt den von der EZB anvisierten 2,0 Prozent liegt?

Zwei Prozent ist der Wert, der in vielen Industrieländern, auch etwa in den USA oder im Vereinigten Königreich, als Definition für Preisstabilität gilt. Und auch wir zielen mittelfristig auf eine Inflationsrate von zwei Prozent. Wenn man sich deutlich darüber bewegt, besteht die Gefahr, dass die Menschen mit einer steigenden Inflation rechnen und deshalb zum Beispiel einen höheren Lohn verlangen, was wiederum die Inflation antreibt. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale steigt. Dann verliert man auch an Wettbewerbsfähigkeit, weil die Produkte durch zu hohe Löhne im internationalen Vergleich zu teuer werden. Außerdem büßt eine Notenbank ihre Glaubwürdigkeit ein, wenn sie dauerhaft ihr Ziel verfehlt.

Der EZB wird oft vorgeworfen, sie habe die Zinsen zu spät angehoben. Besteht die Gefahr, dass sie die Zinsen jetzt zu spät senkt?

Das glaube ich nicht. Wir haben im Übrigen schon im Dezember 2021, also lange vor unserer ersten Zinserhöhung, den Kurs geändert: Damals kündigten wir an, dass wir unsere Programme zum Ankauf von Anleihen schrittweise beenden. Das war ein erster Schritt auf dem Weg der geldpolitischen Normalisierung. Aber selbst wenn man der These folgen würde, dass wir spät dran waren: Schauen Sie sich doch einmal die Entwicklung an! Die Inflation ist innerhalb von zwölf Monaten von über zehn Prozent auf unter drei gesunken – ohne dass es zu einer tiefen Rezession gekommen ist. Wir haben bisher in einer heiklen Lage die Balance zwischen Inflation und Wachstum gehalten, auch weil die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sehr gut war. Es gab keinen wirtschaftlichen Absturz. Das ist sehr wichtig für den Wohlstand der Menschen in Europa.

Das ist aber nicht nur ein Verdienst der Geldpolitik, oder?

Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass die Energiepreise stark gesunken sind und dass sich Probleme bei den Lieferketten aufgelöst haben. Aber auch die Geldpolitik hat ihren Beitrag geleistet.

Als Sie anfingen, die Leitzinsen zu erhöhen, gab es die Sorge - auch in der EZB-Führung - dass Länder mit hohen Staatsschulden wie Griechenland oder Italien in Schwierigkeiten geraten könnten, weil hohe Zinsen neue Kredite verteuern. Dass sich also die Eurokrise von 2009 wiederholen könnte. Warum ist es ruhig geblieben?

Im Gegensatz zu damals sind die Banken in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien heute in einer viel besseren Verfassung. Es gibt keinen Zweifel an ihrer Stabilität. Und ich weiß, wovon ich spreche: Ich habe die europäische Schuldenkrise als spanischer Finanzminister erlebt. Zweitens haben die Länder, die damals Probleme hatten, ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessert. Das hat mit den Reformen zu tun, die damals angestoßen wurden. Ich habe daran mitgewirkt und zu jener Zeit eng mit Wolfgang Schäuble zusammengearbeitet.

Schäuble, der vor wenigen Wochen gestorben ist, war damals deutscher Finanzminister.

Ich bin sicher, Wolfgang wäre heute sehr glücklich darüber, wie sich Griechenland, Spanien, Irland, Italien und Portugal entwickelt haben. Er forderte Reformen, um die Staatshaushalte und die Banken wieder in Ordnung zu bringen und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Viele der Politikempfehlungen, für die er gekämpft hat, haben sich ausgezahlt. In gewisser Weise ist heute die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der südeuropäischen Länder vielleicht sogar besser als die der nordeuropäischen!

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